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Das Haus mit den "Ratsherren-Stuben"....

....in dem Sie sich befinden ist sehr geschichtsträchtig. Die Keller stammen aus dem Mittelalter. Der Raum wo die “Bierklause” zur Geselligkeit einlädt, geht auf einen zwölf Meter langen gotischen Saal von 1510 zurück. 1571 ließ der reiche, kunstsinnige Bürger Killian Nacke (geb.1540, gest. 1584) das Anwesen weitgehend in Renaissance-Formen errichten - noch stattlicher als das alte war. Aus dieser Zeit stammt das Gewölbe über dem Tresen im Restaurant, die vom Hof zugänglich steinerne Wendeltreppe, der vollständig erhaltene Dachstuhl u.v.a.m.. Prächtig gestaltet waren die Holzdecken in den Obergeschossen.

Zur Zeit des Killian Nacke herrschte in Pirna “Baufieber”. Die Stadt gedieh gut, gestützt auf Handel und Gewerbe. Die Eitelkeit in der Kleidung sowie die Zahl und Üppigkeit privater Feste forderten öfter den Tadel der Geistlichen, manchmal das Einschreiten der Obrigkeit heraus. Zuckerwerk, Rosinen, Kirschen, Erdbeeren usw. bezog man übrigens aus der Apotheke. Etwa 80 Prozent der Häuser in den Mauern der Stadt waren brauberechtigt. Meist dicht am Kellerabgang, wo es zu den Bierfässern ging, saßen die Gäste. Man trank aus großen Gefäßen. Häufig verzeichnen die Ratsakten Bußen für “Nachtgeschrei”. Doch können wir annehmen, dass es im Haus des Killian Nacke, der Ratsherr wurde, gesittet zuging.

Das kostbare Denkmal des Killian Nacke und seiner Frau Barbara befindet sich in der Stadtkirche. In die Familie heiratet 1594 der berühmte Jurist und Appellationsrat Dr. Johann Freystein ein. In einem spektakulären Prozess, in dem orthodoxe Lutheranen mit den Kalvinisten abrechneten, verteidigte er die Witwe des Kurfürsten Christian 9., Sophia. Außerdem vertrat er Pirna in Rechtsfragen (sog.”Stadtsyndikus”). 1620 wurde im Haus der mit einer Nacke-Nachfahrin verheiratete Dr. Kaul verhaftet. Er war Rechtsbeistand der Oberlausitzer Stände, welche am Beginn des Dreißigjährigen Krieges mit dem aufständischen Böhmen verbündet waren. So zog sich Kaul den Argwohn und die Feindschaft des Kurfürsten zu. Später schmachtete er als Gefangener des Kaisers in Prag, bevor er endlich in sein Haus am Pirnaer Markt zurückkehren durfte.

Vom “Pirnschen Elend” (Schwedeneinfall 1639) erholte sich die Stadt nur langsam. Die Rolle alteingesessener Bürgerfamilien füllten mitunter kursächsische Beamte und Adlige aus. So erwarb das Haus 1681 der Hofjäger und Wildmeister Christoph Schreyer. Ihm folgte 1692 der “Hoch Edle Gestrenge Herr Leutnant” Adolph Anselm von Carlowitz, letzter Carlowitz auf Schloss Zuschendorf (südlich von Pirna). Er ließ Umbauten vornehmen.

Erneut in Ratsherrenhand und abermals zu Glanz gelangte das Haus etwas später: Bis 1720 gehörte es dem Bürgermeister Samuel Gottschalk, bis 1745 dem mit diesem verschwägerten Bürgermeister Dr. Wilisch. In jener Zeit entstand die prächtige illusionistische Fassadenmalerei. Sie ist nicht erhalten, aber auf Canalettos berühmten Gemälde von 1735/55 in der Dresdner Galerie zu bewundern.

1788 wurde im Grundstück eine Seifensiederei, 1894 ein großes Modewaren-Geschäft eingerichtet. Daneben bestand eine Gaststätte. 1908-1913 existierte im Bereich des heutigen Restaurants eines der ersten Stummfilm-Kinos der Stadt.

Die Neueröffnung der “Ratsherrenstuben” erfolgte 1999 nach grundlegender liebevoller Sanierung des Hauses. Im Obergeschoß entstanden Wohnung. Im Jahre 2002, nach dem Jahrhundert-Hochwasser im August, erfolgte eine erneute Sanierung des Hauses und wurde bereits im Oktober des selben Jahres wieder für seine Gäste geöffnet.


Dr. A. Sturm (unter Verwendung von Originalquellen, sowie stadtgeschichtlicher Beiträge von Oskar Speck und Reinhold Hofmann)

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